Lothar Czoßek
Elsterau, Sachsen-Anhalt

2013

Lothar Czoßek war in seiner Jugendzeit in Rehmsdorf Augenzeuge von Vorgängen, die ihn bis heute verfolgen: Tag für Tag sah der Kupferschmied-Lehrling die jüdischen Zwangsarbeiter aus dem Lager „Wille“ auf ihrem Marsch zur Arbeit.

„Die Häftlinge verließen früh 5 Uhr das Lager und kehrten gegen 19 Uhr zurück. Ich musste täglich den Häftlingszug passieren, denn ich ging bzw. kam vom Bahnhof“, so der heute 83-jährige Czoßek, der sah, wie sich die ausgemergelten Häftlinge über drei Kilometer durch den Ort schleppten. „Den Zustand […] kann man kaum beschreiben. Abgewirtschaftet, zumeist Lappen um die Füße, weil es kein festes Schuhwerk gab;  dreckig, denn im Lager gab es keine Wasserleitung, um sich waschen zu können. So zog die ,graue Kolonne‘ täglich durch Rehmsdorf.“

Das Lager sieht heute noch in weiten Teilen so aus wie damals. Zwei Baracken sind im Originalzustand erhalten, nur eine der Steinbaracken wurde durch Luftangriffe zerstört. Der große Unterschied zu früher liegt darin, dass die Geschichte des Lagers und seiner Insassen heute bekannt ist – und das ist der Beharrlichkeit von Lothar Czoßek zu verdanken.

Czoßek, der ab 1959 als Lehrer tätig war, begann 1972 mit der Aufarbeitung der Geschichte des Lagers „Wille”, einem Außenlager des KZ Buchenwald. Heute ist es weitgehend dem Ortschronisten von Rehmsdorf in Sachsen-Anhalt zu verdanken, dass die Geschichte des Lagers festgehalten wurde und es eine Ausstellung sowie ein Denkmal für die 5800 Opfer des Lagers gibt.

Darüber hinaus hat er auch den Kontakt zu Überlebenden gepflegt und Zeitzeugen-Interviews mit ihnen geführt. Der erste Überlebende kam 1984 aus Ungarn nach Rehmsdorf und ist seitdem mehrfach zurückgekommen, wir der inzwischen pensionierte Czoßek erklärt. Er hat sich zum Ziel gesetzt, dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.

Tibor Horvath, ein rumänisch-stämmiger Jude, der das Lager Wille überlebte und Czoßek für die Obermayer Awards vorschlug, erinnert sich, wie Czoßek (der Anfragen zur Gedenkstätte von zu Hause aus beantwortet) und seine Ehefrau Ingeborg ihn bei sich willkommen hießen, als er den Ort besuchte. „Wir redeten stundenlang über meine Erfahrung als Zwangsarbeiter in dem Ort, und ich erfuhr, dass ich nicht der erste Besucher war. Herr Czoßek hat mehr als drei Jahrzehnte Arbeit darin investiert, die sehr traurige Geschichte dieses Konzentrationslagers zu bewahren.“ Vor der deutschen Wiedervereinigung wäre ein solches Treffen nicht so einfach gewesen, erklärt Horvath, der vor dem unterdrückerischen Regime im kommunistischen Rumänien geflohen war und sich im damaligen Westdeutschland nahe Frankfurt am Main niedergelassen hatte. Anfang der 1990er Jahre besuchte er das Lager Wille zum ersten Mal.

Seit diesem Besuch hat Czoßek mehrere Treffen organisiert, bei denen Horvath seine Erinnerungen mit Schülern und Einwohnern teilte und ihre Fragen beantwortete. Dies ist nur einer der zahlreichen Wege, die Czoßek beschritten hat, um die Überlebenden zu würdigen und die Erinnerung an die Toten wach zu halten.

Auch das Leben von Nominierenden wie Sonja Vansteenkiste-Bilé, die in Belgien lebt, hat sich dank Czoßek nachhaltig verändert. Auf ihrer Suche nach Informationen zu ihrem ermordeten Onkel Raphael Bilé, der im Lager Wille inhaftiert war, stieß sie auf den Namen Czoßek und rief ihn an. Im Oktober 2011 trafen sie und ihr Ehemann sich schließlich in Rehmsdorf mit Czoßek. „Ich war zutiefst beeindruckt, als ich die Arbeit, der er sich seit so vielen Jahren widmet, und die Ergebnisse sah“, erklärt Vansteenkiste-Bilé. „Er ist davon überzeugt, dass die Opfer und ihre Familien ein Recht darauf haben, alles über die Schrecken und die Massaker des NS-Regimes zu erfahren. Wie lässt sich besser verhindern, dass sich so etwas jemals wiederholt, als dadurch, dass man die ganze Wahrheit erzählt, obwohl man sich für seine deutschen Vorfahren schämt?“

Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis Czoßek seine Ziele erreicht hatte. Als er im März 1972 mit seinen Recherchen begann, stand wenig Material zur Verfügung. Bis dahin gab es nur eine Dissertation dazu aus dem Jahr 1953. „Mängel in der Dissertation und anderen Aufzeichnungen ließen bei mir den Entschluss reifen, mit einer realistischen Aufarbeitung […] zu beginnen“, so Czoßek. „Das hatte ich dem Bürgermeister unterbreitet und fand dort Gehör.“ Allerdings war die Aufarbeitung langwierig, denn bei der Befreiung des KZ Buchenwald hatten amerikanische Soldaten sämtliche Unterlagen mitgenommen. Bis zu ihrer Rückgabe nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 musste Czoßek sich also auf andere Archive stützen und sich um Zeitzeugenberichte bemühen.

Heute erzählen die daraus entstandenen Broschüren und Bücher, das Denkmal und die Ausstellung in Rehmsdorf die Geschichte der jüdischen Häftlinge im Außenlager „Wille“. Ab Juni 1944 verlegte die SS Häftlinge aus dem nahegelegenen KZ Buchenwald nach Rehmsdorf, die dort unter katastrophalen Bedingungen für die Braunkohle-Benzin-AG (BRABAG) arbeiten mussten: Die Häftlinge litten Hunger, waren erbärmlich gekleidet und wurden ständig von ihren Bewachern drangsaliert. Erschöpfte Häftlinge wurden nach Buchenwald zurückgeschickt.

Als sich Anfang April 1945 amerikanische Truppen Mitteldeutschland näherten, kam der Befehl, das Lager in der Nacht zum 7. April zu räumen. Hierzu wurde ein Transportzug mit 10 oben offenen Kohlewaggons bereitgestellt, in denen die etwa 3.000 noch verbliebenen Häftlinge in Richtung Theresienstadt transportiert wurden, dicht gedrängt, den Unbilden des Aprilwetters und laufenden Luftangriffen ausgesetzt. Nach einem „Todesmarsch“ von Reitzenhain kamen noch etwa 1.000 Häftlinge in Theresienstadt an, wo sie am 8. Mai 1945 befreit wurden.

Die Geschichte des Außenlagers „Wille“ war in der DDR laut Czoßek „kein Tabuthema. „Ich wurde bei meiner Arbeit von der örtlichen Behörde in jeder Weise unterstützt, was auch für das Finanzielle zutrifft.“ 1985 erschien seine Broschüre zur Geschichte des Lagers („KZ-Außenlager ,Wille' – eine Stätte des Grauens“), die erstmals die ganze Wahrheit erzählte und in örtlichen Unternehmen und Schulen verteilt sowie an die Bevölkerung verkauft wurde.

Von 1997 bis 2010 brachte Czoßek mehrere Schriften zum Lager „Wille“ und zu anderen Aspekten der Lokalgeschichte heraus. Hier ist vor allem das Werk „Vernichtung. Auftrag und Vollendung“ zu nennen, eine Dokumentation über das Außenlager Rehmsdorf des KZ Buchenwald.

„Mahnung und Verpflichtung in unserer Zeit sollte und muss ein gesellschaftliches Thema sein und bleiben. […] Es ist ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, was nicht in Vergessenheit geraten darf, damit solches nicht wieder geschieht“, erklärt Czoßek, der unter anderem auch Schulen besucht und Kurse zur Lokalgeschichte für Bundeswehrsoldaten gibt.

Sowohl Vansteenkiste-Bilé als auch Horvath zeigten sich sehr beeindruckt von der Arbeit, die Czoßek, selbst kein Jude, seit fast 30 Jahren geleistet hat – und das gänzlich unentgeltlich.

„Ohne ihn wüsste niemand in Rehmsdorf etwas über die NS-Verbrechen an jüdischen Mitmenschen“, so Vansteenkiste-Bilé. „Und ganz sicher gäbe es keine Gedenkstätte und keinen Ort, den all die Familien besuchen können, die einen Vater, einen Bruder, einen Großvater, Onkel oder Großonkel im Lager Wille verloren haben.“

Vorgeschlagen von: Shmuel Blumenfeld, Bat Yam, Israel; Mendel Gelberman, Bexley, Australien; Henk Goertz, Grubbenvorst, Niederlande; Harry Goertz, Venlo, Niederlande; Tibor Horvath, Offenbach am Main, Deutschland; Moshe Langer. Tübingen, Deutschland; Kovács László, Nyiregyházá, Ungarn; Israel-Laszlo Lazar, Kiriat Motzkin, Israel; Menachem Silberstein, Tel-Aviv, Israel; Sabine Stein, Weimar-Buchenwald, Deutschland; Ingolf Strassmann, München, Deutschland; Sonja Vansteenkiste-Bilé, Blankenberge, Belgien