ROLF EMMERICH
Laupheim, Baden Württemberg
Vorgeschlagen von George E. Arnstein, Washington, DC, USA; Ernest Bergman, State College, PA, Ann Dorzbach, Louisville, KY, USA; USA; Hans G. Hirsch, Bethesda, MD, USA; Inge Kruse, Charlottenlund, Dänemark; Barbara Henly Levy, Somers, NY, USA; Yitzhak Steiner, Re'ut, Israel; Sven Treitel, Tulsa, OK, USA
2012

Rolf Emmerich ist ein Pionier. Schon vor dreißig Jahren, als es noch nicht besonders gern gesehen wurde, wenn jemand sich intensiv mit der jüdischen Vergangenheit in Deutschland beschäftigte, führte er seine Schüler zum jüdischen Friedhof in seiner Heimatstadt Laupheim in Baden-Württemberg. Dort lernte ihn auch die im benachbarten Ulm geborene Ann Dorzbach kennen: Beim Besuch des Grabes ihrer Großeltern Anton und Lina Bergmann traf sie auf den Lehrer mit seiner Gruppe von Teenagern. „Während er den Schülern die schön bearbeiteten Grabsteine zeigte, flocht er auch die traurige Geschichte der ausgelöschten jüdischen Gemeinde anschaulich ein“, erinnert sich Dorzbach, die Emmerich für die Obermayer Awards vorgeschlagen hat und heute in Louisville, Kentucky, USA, lebt. Sven Treitel aus Tulsa, Oklahoma, USA, der Emmerichs Nominierung ebenfalls unterstützt hat und dessen Großvater Leopold Treitel (1895–1923) der letzte Rabbi in Laupheim war, beschreibt Emmerich als jemanden, der sich seit Jahrzehnten mit viel Herzblut der Stärkung des Geschichtsbewusstseins in seiner Stadt widmet.

Emmerichs Interesse an der Geschichte des Holocaust wurde durch die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt und den Eichmann-Prozess in Jerusalem geweckt. Der heute 73-jährige pensionierte Ingenieur und Lehrer war als politisch engagierter Mensch 33 Jahre – bis 2010 – als Vertreter im Gemeinderat aktiv. Vor seiner Lehrtätigkeit war er viele Jahre als Produktionsleiter bei der Firma Steiner-Hopfen GmbH in Laupheim tätig. Während dieser Zeit entstand eine enge Verbindung zur jüdischen Eigentümerfamilie Steiner, die auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen im Jahr 1971 bestehen blieb. „Das ist etwas ganz Besonderes“, erklärt er. Angeregt durch diese Freundschaft und gepaart mit einer guten Portion Neugier und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, begann Emmerich seine umfassenden Recherchen zur jüdischen Vergangenheit Laupheims. Juden durften sich erstmals 1724 dort niederlassen, und eine Zeitlang rühmte sich die Stadt der größten jüdischen Gemeinde in Württemberg (843 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 7000 im Jahr 1869).

Im August 1942 endete die reiche jüdische Geschichte in Laupheim mit der Deportation der 43 zu dem Zeitpunkt noch dort lebenden Juden ins Konzentrationslager Theresienstadt in der Nähe von Prag. Emmerich spürte der Geschichte der Gemeinde nach und suchte und fand Nachkommen in aller Welt. Seine zahlreichen Publikationen – häufig mit Schwerpunkt auf lokalen jüdischen Persönlichkeiten und Einrichtungen – sind auch im Leo Baeck Institut zu finden. 1998 war er Mitbegründer eines Museums in einer ehemaligen Villa der Familie
Steiner. In diesem „Museum zur Geschichte von Christen und Juden“ ist er auch selbst ehrenamtlich tätig und leitet Führungen, bei denen er den Besuchern Themen wie „200 Jahre Rabbis in Laupheim“ oder die Geschichte des jüdischen Friedhofs nahebringt. Seit 2010 ist Emmerich Mitglied des Museumsbeirats.

In den 1960er Jahren gelang es Emmerich, jüdische Schallplattenaufnahmen aus dem Jahr 1922 mit Kantor Emil Dworzan (1856-1931) und Organist Simon L. Steiner zu retten, die in der Synagoge entstanden waren. Er ließ sie nach damaligem Stand der Technik bei einem lokalen Radiosender auf Tonbänder übertragen. Die Original-Schelllack-Platten sind im Laupheimer Museum zu finden, eine CD ist derzeit in Produktion. Emmerich sagt dazu mit einem Lachen: „Wenn ich sonst nichts für unser Thema zustande gebracht hätte – darauf
könnte ich stolz sein.“

Emmerichs Interesse an Synagogenmusik führte ihn vor etwa 25 Jahren auch zu einer weiteren eindrucksvollen Entdeckung: Während eines Rechercheaufenthalts in Hamburg stieß er auf Partituren des 1850 in Laupheim geborenen Kantors und Komponisten Moritz
Henle. Es folgten mehrere Jahre umfassender Recherchen in privaten Sammlungen und Archiven in den USA, Israel, Schweden und der Schweiz. Die so zusammengetragenen Henle-Kompositionen wurden 1998 von der Laupheimer „Gesellschaft für Geschichte und
Gedenken“ als CD veröffentlicht.

Im Jahr 2000 organisierte Emmerich zu Ehren des 150. Geburtstags des Kantors ein viertägiges musikalisches Event in Laupheim, bei dem ein örtlicher Chor Henles Kompositionen auf Hebräisch vortrug. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Straße, in der
Henle geboren wurde, offiziell in Moritz-Henle-Straße umbenannt.

Noch bedeutender als die Wiederentdeckung und Rettung der Kompositionen war aber wohl der Beitrag Emmerichs zur Zusammenführung von Juden, deren Wurzeln in Laupheim liegen, mit verloren geglaubten Angehörigen. „Ich hatte die große Freude, dieses phantastische und emotionale Fest mit 15 neugefundenen Angehörigen aus fünf verschiedenen Ländern feiern zu können“, schrieb Dorzbach. Darunter waren auch Barbara Henly Levy mit Ehemann und Tochter aus Somers, New York. Emmerich brachte also nicht nur jüdische Musik wieder zutage, „sondern auch große Teile unserer Familiengeschichte.“ Zum ersten Mal „trafen sich hier Cousins und Cousinen, die bis dahin gar nichts voneinander gewusst hatten.“

Über die Jahrzehnte war Emmerich Co-Autor mehrerer Publikationen zur jüdischen Geschichte, darunter auch ein Gedenkband mit Geschichten über ehemals ortsansässige jüdische Familien, die entweder emigrierten oder dem Holocaust zum Opfer fielen. Er leistete einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof, auf dem Dorzbach ihm Jahrzehnte zuvor zum ersten Mal begegnet war. Und er hat eine ganze Generation junger Menschen dazu angeregt, diese Arbeit fortzusetzen.

Emmerich besucht den Friedhof immer noch regelmäßig und führt Besucher durch die 900 Grabsteine, von denen einige auf das Jahr 1700 zurückgehen. „Es ist ein unglaublich inspirierender Ort“, erklärt Emmerich, der vor kurzem einen Vater mit seinem Sohn aus
den USA bei ihrem ersten Besuch der Grabstätte eines 1907 bestattetenVorfahren begleitete.

Die Erinnerungsarbeit „ist wichtig für die zweite Generation“, so Emmerich. „Aber sie ist auch für mich sehr wichtig geworden – sie gehört einfach zu meinem Leben dazu.“ Er ergänzt: „Viele Mitbürger haben meine Arbeit unterstützt.“ Zwar interessieren sich einige Leute nicht für das Thema, aber echte Widerstände gibt es nicht. Emmerich fügt hinzu: „Mancher denkt vielleicht, dass wir für so eine kleine Stadt eine Menge Geld für das Museum ausgeben. Aber diese Stimmen sind eher zurückhaltend.“

Heute gilt er als „der engagierteste und kompetenteste Ansprechpartner in jüdischen Angelegenheiten in seiner Stadt“, schreibt Yitzhak Steiner aus Re’ut, Israel, der Emmerich vor mehr als 50 Jahren im Unternehmen seiner Eltern kennen lernte und ihn mit für den Preis vorgeschlagen hat. „Er hat sich für die Gründung von Institutionen und Vereinen ebenso eingesetzt wie für die lokalen Archive, und persönliche Beziehungen zu den ehemaligen Mitgliedern der Gemeinde aufgebaut.“

Sein wichtigster Beitrag ist allerdings wohl, dass er die Kinder ehemaliger Laupheimer Juden zusammengeführt und ihnen so ein Gefühl für ihre eigene Vergangenheit zurückgegeben hat. Levy abschließend: „Die Tränen der Trauer mischen sich mit den Tränen der Dankbarkeit.“