HANS–DIETER ARNTZ
Euskirchen, Nordrhein-Westfalen
2009

Vorgeschlagen von Miriam Bruderman, Kfar-Saba, Israel; Doris Doctor, Wayne, NJ; Emmy Golding, Edgware, UK; Yvonne Gradwolh, Basel, Schweiz; Evelyn Heilbronn, Modesto, CA; Charlotte Hillburn, Forest Hills, NY; Leo Hoenig, New York, NY; Janet Bernd Isenberg, Glen Rock, NY; Wolf Murmelstein, Ladispoli, Italien; Ilse Nathan, Birmingham, AL; Esther Eckstein Schwarz , Bridgewater, NJ; Laura and Scott Shields, Campbell, CA; Ruth Siegler, Birmingham, AL; Shulamit Spain-Gayer, Glasgow, Schottland; Doris Ruhr Strauss, Riverdale, NY; Gerald Weiss, Forest Hills, NY

Hans-Dieter Arntz’ Leidenschaft für die jüdische Geschichte begann im Jahr 1978, am 40. Jahrestag der Reichskristallnacht, „als niemand darüber sprach, niemand etwas darüber wusste. Und als Gymnasiallehrer war es mir wichtig, meinen Schülern gerade etwas über den Teil der Geschichte zu vermitteln, über den niemand reden wollte.“

Im gleichen Jahr wurde der Fernsehmehrteiler „Holocaust“ ausgestrahlt, der eine landesweite Diskussion über die deutsche Vergangenheit auslöste, und Arntz begann mit seinen Recherchen in den regionalen Archiven. Er entdeckte bislang völlig unbekannte Dokumente und spürte jüdische Überlebende auf, die in Euskirchen, seiner 50.000-Einwohnerstadt westlich von Bonn, gelebt hatten. Nachdem sein erster Diavortrag gleich 200 Mitbürger faszinierte, wusste er, „dass das der Anfang war.“

Seit dieser Zeit ist Arntz (67) unermüdlich als Lehrer, erfolgreicher Aktivist und äußerst produktiver Autor tätig gewesen. Mit Sachkenntnis und Geduld gelang es ihm, zahlreiche Menschen mit ihrer Geschichte zu verbinden und so Hunderte jüdischer Familien in aller Welt zu erreichen.

„Ich sehe mich selbst als Bindeglied zwischen der Region, in der ich lebe, und den Orten, an denen die ehemaligen jüdischen Mitbürger heute leben“, so Arntz. Dank seiner akribischen Recherchen, die aufzeigten, wo Juden gelebt und gearbeitet hatten und wer ins Gefängnis oder Konzentrationslager kam, konnten ehemalige jüdische Mitbürger in einigen Fällen sogar Rentenleistungen in Deutschland beantragen, die sie sonst nicht erhalten hätten. In anderen Fällen spürte Arntz Dokumente auf, aufgrund derer Juden in aller Welt Eigentum zurückerhielten, das ihnen während des Holocaust genommen worden war.

Am häufgsten jedoch ist Arntz Anziehungspunkt und wichtige Informationsquelle für Nachfahren, die die lange Reise nach Euskirchen unternehmen, um etwas über ihre Vergangenheit zu erfahren.

„In den 1980er Jahren kamen jüdische Menschen zu uns nach Hause und baten um Hilfe bei der Beschaffung von Dokumenten“, erinnert er sich. „Sie klopften an unsere Fenster. Es waren so viele – ich kann gar nicht sagen, wie viele Levis und Weiss’ an unsere Tür kamen, denen ich die Häuser ihrer Eltern und Großeltern zeigte. Ich bin der Punkt, an dem alles zusammenläuft. Wenn jemand in unsere Stadt kommt und Fragen stellt, schickt man ihn zu mir.“

Wenn Arntz nicht gerade damit beschäftigt ist, mit Menschen zu reden, schreibt er über sie. Er hat Hunderte von Artikeln und 14 Bücher verfasst – sein 30 Jahre zurückreichendes Archiv ist auf seiner ausgefeilten Website, www.hans-dieter-arntz.de, zu sehen. Besondere Anerkennung und eine gewisse Berühmtheit erlangte er durch sein erstes Buch „Judaica – Juden in der Voreifel“ (1986), einem fundamentalen Werk zur jüdischen Geschichte in der Region Euskirchen, das jedoch nicht von Anfang an positiv aufgenommen wurde.

„Zuerst fragten mich alle: ‚Warum recherchierst du so ein Thema?‘ Kein Verlag wollte das Buch herausbringen. Selbst Stadtverwaltung und Stadtrat stellten kein Geld bereit“, um das 600-Seiten-Werks voller bislang unentdeckter Dokumente und Bilder drucken zu können. Das änderte sich jedoch, als der Nobelpreisträger Heinrich Böll im Radio ein Gespräch mit Arntz zu seinen Bemühungen hörte. Böll trat daraufhin mit ihm in Kontakt und bot seine Hilfe an. Der berühmte Autor führte ein paar Telefonate und „plötzlich wollte mir jeder helfen. In den Büchereien lagen Listen aus, in die sich

Interessenten eintragen konnten, die das Buch kaufen wollten. Selbst die Geschäfte waren interessiert.“

Das Buch kam schließlich in drei Aufagen heraus. Es folgten weitere Erfolge wie „Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet“ (1990), ein igantisches 800-Seiten-Werk über die deutschen Organisationen und Einzelpersonen, die jüdischen Flüchtlingen aus Österreich bei der Flucht über die belgische Grenze

halfen. Sein aktuellstes Buch „Reichskristallnacht“ wurde 2008 publiziert. Arntz’ Aktivitäten erstrecken sich über das Lehren und Schreiben hinaus bis in die Politik hinein: Er setzte sich für etliche Denkmäler und die Benennung von Straßen in der Region nach jüdischen Mitbürgern ein. Dabei ging es zunächst um ein Denkmal zur Erinnerung an Euskirchener Juden auf der Grünfäche, wo früher die Synagoge stand. 1981 wurde dieses Denkmal schließlich errichtet. Bei der Benennung einer Straße nach einem beliebten jüdischen Arzt, der den Armen in Euskirchen geholfen hatte, kämpfte er 10 Jahre, bis 1994 schließlich ein ganzer Platz nach Doktor Hugo Oster benannt wurde.

Seit zwei Jahren bemüht sich Arntz um die Benennung einer Straße zu Ehren von Josef Weiss, dem legendären „Judenältesten“ von Bergen-Belsen, der den Krieg überlebte und dem eine persönlich zusammengestellte Namensliste Tausender Juden der Region zu verdanken ist, die im Lager starben. Auch wenn Bürgermeister und Stadtrat noch zustimmen müssen, ist Arntz überzeugt: „Ich bin sicher, dass es gelingen wird.“

Arntz’ konfrontativer Ansatz und seine enorme Schaffenskraft, die er praktisch in zwei Vollzeitberufe steckte, forderten jedoch auch ihren Tribut. Nach eigenen Angaben schlief er oft nur drei oder vier Stunden, wenn er mit Recherchen beschäftigt war, verpasste aber dennoch in seiner 40-jährigen Lehrerlaufbahn nur neun Unterrichtstage. Einen höheren Preis zahlte er wohl in anderer Hinsicht: Aufgrund seiner hartnäckigen Aktivitäten zur Erforschung der jüdischen Geschichte der Euskirchener Region, wo einst um die 600 Juden lebten, erhielt er eine Flut anonymer Briefe, Anrufe und Drohungen, und einmal wurden sogar seine Autoreifen aufgeschlitzt.

„Den Menschen gefelen meine Aktivitäten nicht“, berichtet Arntz, der unter anderem auch Vorträge zum Thema Judenverfolgung in Schulen, Volkshochschulen, bei Jugendvereinen und Kirchengemeinden hielt.

„Man schickte mir Schmähbriefe, sogar aus dem fernen Südafrika. Wenn man Bücher schreibt und sich um Denkmäler kümmert, Artikel verfasst und Vorträge hält, ist man quasi das Feigenblatt der Gesellschaft, das die Blöße bedeckt.“

Die meisten Menschen unterstützen Arntz jedoch in seiner Arbeit, und er hat nach wie vor großen und konstruktiven Einfuss. Dabei handelt er immer nach seinem wichtigsten Motto: „Bewältigung der Vergangenheit“.

„Einfache und normale Schicksale sind für mich wichtig [um darüber zu schreiben], da ich damit mehr helfen kann als wenn ich über Prominente schreibe“, so Arntz. „Es macht mich stolz, diese Art von Arbeit veröffentlichen zu können, motiviert durch so viele persönliche Kontakte, die zu Freundschaften geworden sind – nicht nur mit Großeltern, sondern auch mit Eltern und ihren Kindern.“

„Und es gibt kein Ende“, fügt er hinzu. „Es wird nie zu Ende gehen, weil immer wieder neue Verbindungen entstehen.“