ANGELIKA BROSIG
Schopfloch, Bavaria
Vorgeschlagen von Claude Frank, Grenoble, Frankreich; Nicole Ghenassia, Lyon, Frankreich; Jeanette Rosenberg, Middlesex, England; David Shapiro, Jerusalem, Israel; Phil Urwin Smith, Surrey, England
2010

Der Besuch einer Freundin vor einigen Jahren gab den Anstoß dafür, dass die Sozialpädagogin Angelika Brosig in ihrer Gemeinde eine führende Rolle bei der Erforschung der jüdischen Vergangenheit von Schopfloch übernahm

„Meine Freundin wollte den jüdischen Friedhof besuchen“, erinnert sich Brosig, „aber als wir hinkamen und sahen, in welchem Zustand er sich befand, war sie fassungslos. ,Es ist furchtbar‘, sagte sie, ,die Inschriften sind alle nicht mehr zu erkennen, die Steine von Pflanzen und Bäumen überwuchert.‘ Ich war überrascht, weil es mir irgendwie normal erschien, dass ein Friedhof im Laufe der Zeit verfällt. Aber sie meinte: ,Nein, das ist nicht gut für die Nachfahren‘, und das war der Beginn für mich.“

Brosig traf sich mit dem ehemaligen Bürgermeister und dem Rotary Club von Schopfloch, merkte aber bald, dass das Engagement für die „Erforschung“ des Friedhofs die physische Wiederherstellung nicht mit einschloss. Also machte sie sich persönlich an die Arbeit und begann zunächst mit einer Zählung der Steine. Sie ging systematisch durch die Reihen und dokumentierte und fotografierte die verwitterten Inschriften an jedem Grab. Sie konnte zwar kein Hebräisch, aber dank der Unterstützung der Gruppe Alemannia Judaica erstellte sie eine Liste mit 250 Juden, die in dem kleinen fränkischen Ort Schopfloch gelebt hatten und gestorben waren. Die Ergebnisse veröffentlichte sie im Internet.

Je länger sie an dem Projekt arbeitete, desto mehr entwickelte sich in ihr ein Gefühl der Dringlichkeit.

„Ich hatte kein Geld, um Fachleute zu engagieren; der Friedhof war zu groß, und es wäre einfach zu teuer geworden“, so Brosig. „Manche Leute wunderten sich: ,Sie ist doch keine Expertin, wie kann sie da eine solche Arbeit angehen?‘ Aber ich dachte nur: ,Warum nicht?‘ - Ich hatte Helfer, die mich unterstützten, und es ist besser selbst etwas zu tun als auf Spezialisten zu warten, die viel Geld verlangen. Ich wollte nicht warten, weil [ich wusste], dass der Verfall immer weiter fortschreiten würde.“

Nachdem sie den 500 Jahre alten Friedhof dokumentiert hatte, begann Brosig mit Führungen für Schulklassen und Kirchengruppen. Sie rief auch das Steinpaten-Projekt ins Leben, bei dem die Paten im Durchschnitt 250 Euro für die Reinigung, Aufarbeitung und Wiederherstellung eines Grabes bezahlen. Ausgeführt werden die Arbeiten von einem traditionellen Steinmetzbetrieb aus der Region. Im Jahr 2008 wurden 19 Grabsteine wieder hergestellt, 2009 waren es mindestens 20. Der Rotary Club spendete 2000 Euro für das Projekt und zeichnete Angelika Brosig mit dem „Rotarischen Meilenstein 2008“ aus.

Inzwischen hat sich die von Brosig geschaffene Website, www.juden-in-schopfloch.de, zu einem sehr umfassenden Forum entwickelt. Menschen aus aller Welt haben sich schon an Angelika Brosig gewandt, dankbar für die Möglichkeit, endlich etwas über ihre Vorfahren in Erfahrung bringen zu können. Brosig hat umfangreiche Stammbäume rekonstruiert, sammelt Fotos und Dokumente von den Nachfahren der Schopflocher Juden und baut ihr Online-Archiv kontinuierlich weiter aus.

Natürlich sind auch ihre eigene Neugier und ihr Wissen über die jüdische Geschichte mit der Arbeit gewachsen. „Am meisten hat mich die Zeit des Nationalsozialismus interessiert: Was ist hier passiert? Warum gibt es hier keine Juden, keine jüdische Kultur mehr? Je mehr ich fragte, desto klarer wurde mir, was wir verloren haben.“

Angelika Brosig wurde 1956 im 100 km von Nürnberg entfernt liegenden Ansbach geboren und war 16 Jahre an einer Behindertenschule in Baden-Württemberg tätig. Später arbeitete sie in einem Jugendzentrum. Von früh an war sie in der Friedensbewegung engagiert, und einmal stand sie sogar kurz davor nach Israel zu gehen – ihr Beruf hielt sie jedoch schließlich davon ab.

2007 organisierte Brosig eine Veranstaltung, in deren Rahmen am Standort der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel angebracht wurde. Franken war im Vorkriegsdeutschland als Epizentrum des Antisemitismus berüchtigt, und sie fand es sei an der Zeit mit den Mythen zu brechen, die die Gemeinde in Bezug auf ihre Vergangenheit immer noch pflegte.

„Die Reiseführer sagen alle, die Region sei judenfreundlich gewesen. Aber das stimmt so nicht. Der Nationalsozialismus war hier sehr stark ausgeprägt, und es war entwürdigend, was den Juden in den Jahren vor dem Krieg im Ort angetan wurde“, so Brosig. Sie möchte die Erinnerung an bestimmte Ereignisse öffentlich wach halten, zum Beispiel an die Reichspogromnacht, in der die letzten 18 noch in Schopfloch verbliebenen Juden durch die Straßen getrieben und die Männer verprügelt wurden, während man die Fenster ihrer Häuser einschlug; oder die kurz darauf im Nachbarort Dinkelsbühl erschienenen Schlagzeilen wie „Judenfrei“.

Rabbi David Shapiro aus Jerusalem und Nicole Ghenassia aus Lyon in Frankreich schreiben: „Frau Brosig hat dafür gesorgt, dass die jüdische Vergangenheit dieses Teils von Deutschland weder bei den Einwohnern der Region noch bei den noch lebenden Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Vergessenheit gerät.“

Brosig entdeckte bei der Wiederherstellung des Schopflocher Friedhofs, dass zwei Frauen ohne Grabsteine begraben worden waren, und ließ daraufhin zwei neue Steine errichten. Zu dieser Arbeit drehte der Bayrische Rundfunk eine Dokumentation. Zurzeit befindet sich Brosig gerade in den Vorbereitungen zu einem Theaterstück, das sie über zwei jüdische Familien, die Manfreds und die Sigreds, geschrieben hat. Es geht darin um das Schicksal dieser Familien vor und während des Krieges. Die Darsteller sind 15- und 16-jährige Hauptschüler, die Premiere ist für den Sommer 2010 geplant.

„Ich habe so viele Informationen [über die Familien], dass das Schreiben ganz einfach war. Und die Jugendlichen haben Interesse an dem Stück“, erzählt Brosig.

„Es ist mir wichtig zu wissen, was in der Vergangenheit geschah, und eine Verbindung dazu herzustellen. Durch meine Arbeit auf dem Friedhof wird den Menschen plötzlich klar: ,Es gibt Überlebende und wir können mit ihnen in Kontakt treten.‘ Durch die Steine erhalten sie ihre Würde zurück.“