MICHAEL DORHS
Hofgeismar, Hessen

Vorgeschlagen von Chanan Frank, Herzelia, Israel; Dan Frank, Afula, Israel;
Gideon Frank, Moshav Beit-Chanan, Israel

2009

Als junger Student der evangelischen Theologie tat Michael Dorhs etwas eher Unerwartetes: Er half beim Aufbau einer Abteilung für jüdische Geschichte im Museum seiner Heimatstadt Hofgeismar, um „das deutsch-jüdische Erbe unserer Region zu erhalten.“

„Wir hatten am Anfang fast nichts, vielleicht um die 20 Bücher“, erinnert sich Dohrs. Also schaltete er Anzeigen in Zeitungen wie Aufbau in New York und Israel Nachrichten in Tel Aviv und bat Holocaust-Überlebende und die Nachkommen ehemals jüdischer Bürger aus der Region Nordhessen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen und ihre Geschichte zu erzählen.

In den fast 30 Jahren, die seither vergangen sind, hat Dorhs Dutzende von Artikeln und sieben Bücher zur lokalen jüdischen Geschichte publiziert. Sein Werk weckte bei beiden Bevölkerungsgruppen – sowohl bei den Juden, die die Region verließen, als auch bei den Deutschen, die blieben – viele Erinnerungen und großes Interesse.

„Ich möchte, dass deutsche Nichtjuden das Judentum als einen Teil und eine Wurzel unserer eigenen Religion, unserer Kultur wahrnehmen. Das ist nicht ihre Geschichte, es ist auch unsere Geschichte“, so Dorhs (48), dessen jüngstes Werk, „Das achte Licht: Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen“, sich mit diesem Thema befasst.

Gleichzeitig „ist es für Juden wichtig zu sehen, dass sie in ihrer ehemaligen Heimat nicht vergessen sind. Dass es einen besonderen Ort gibt, an dem sich die Menschen für ihre Schicksale interessieren und ihre Geschichten, ihre Erfahrungen hören und bewahren wollen, um zu zeigen, was mit ihnen geschehen ist.“

Dorhs’ Reise in die jüdische Vergangenheit begann schon in der Schule, als er für ein Projekt die Grabsteine des Hofgeismarer jüdischen Friedhofs fotograferte. Mit 18 sah er den TV-Mehrteiler Holocaust und das „war das erste Mal, dass ich mit einer einzelnen Familie aus der Zeit des Holocaust und mit diesem Teil der Geschichte in Berührung kam.“ Während seines Studiums an der Universität Tübingen durchforstete er die Archive von Hofgeismar für eine umfangreiche Arbeit zur Position der Kirche während der NS-Zeit.

Seit dieser Zeit ist sein Bemühen um die Erforschung der jüdischen Vergangenheit Nordhessens und die Vermittlung dieses Teils der Geschichte immer intensiver geworden.

„Ich kenne Namen. Ich kenne Geschichten. Wenn ich Schüler oder Studenten [durch das Museum] führe, erzähle ich ihnen nicht die Dinge, die sie ebensogut in Geschichtsbüchern über Auschwitz oder Polen nachlesen können“, erklärt er, „sondern Geschichten von Menschen, von Männern und Frauen, die in ihrer Heimatstadt gelebt haben. Sie sehen die Straßennamen und die Häuser und können sich vorstellen, was mit den Menschen hier geschah. Das ist wie eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart.“

Dorhs selbst hat eine Vergangenheit, mit der die Aussöhnung in vieler Hinsicht schwierig erscheint. „Das Flüchtlingsschicksal war ein Thema in meiner Familie“, die aus Ostpreußen stammte, wo seine Großeltern und eine Tante während des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht vor russischen Soldaten getötet wurden. Sein Vater war ein NS-Soldat, der später Polizist wurde. „Ich fragte ihn: ,Was hast du in dieser Zeit getan?‘“, erinnert sich Dorhs. Sein Vater sagte er habe nichts getan, „aber ich weiß nicht, ob das die Wahrheit ist, und ich habe nie eine Antwort erhalten.“

Nach sieben Jahren als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Ev. Theologie der Universität Marburg reist er heute als Studienleiter in der Pfarrerfortbildung durch das Gebiet der Landeskirche Kurhessen-Waldeck nördlich von Kassel und behandelt dabei häufg auch jüdische Themen.

Zu diesem Themenspektrum hat er auch zahlreiche Bücher geschrieben, von der Synagogen- und Friedhofsgeschichte bis hin zu Biographien und Geschichten über die Assimilation und Verfolgung von Juden in der NS-Zeit. Dorhs war auch Herausgeber einiger wichtiger Werke, wie zum Beispiel den Memoiren der Israelin Meta Frank, „Schalom, meine Heimat“ (1994), ein bahnbrechendes und sehr intimes Geschichtsdokument über eine Familie der Region. Franks Buch warf ein neues, ganz persönliches Licht auf den Holocaust. Es entwickelte sich zum Verkaufshit und erschien dank Dorhs in drei Aufagen. Auf seine Initiative wurde 1999 eine Straße in Hofgeismar nach Meta Frank benannt.

Dorhs war unter anderem auch an der Freilegung und Erhaltung einer Mikwe (rituelles jüdisches Bad) im nahe gelegenen Trendelburg beteiligt und setzte sich für Gedenktafeln auf den zwei jüdischen Friedhöfen in der Region Hofgeismar ein. Die größte Freude liegt für ihn aber wohl darin „dieses Interesse an der jüdischen Geschichte mit der Lehrtätigkeit zu verbinden“, und das nicht nur bei den Deutschen, sondern auf beiden Seiten.

„Die Kinder und Enkelkinder der Emigranten, die unser Museum besuchen, sehen hier, dass das, was sie in ihren Familien gehört haben, wahr ist“, erklärt er. „Bis dahin ist es eine abstrakte Vorstellung. Aber wenn sie in hierher kommen, zu den Wurzeln ihrer Familien, und die Namen ihrer Verwandten in der Namensliste buchstäblich niedergeschrieben sehen, „wird es für sie zu etwas Konkretem.“

Neben der sorgfältig zusammengetragenen umfangreichen Sammlung von Daten, persönlichen Gegenständen, Fotos und Dokumenten hat Dorhs im Stadtmuseum Hofgeismar einen Raum eingerichtet, in dem eine große Zeittafel die Schicksale der ehemaligen jüdischen Bürger der Region dokumentiert. Es ging immer„um das Erzählen, nicht darum anzuklagen.“

„Ich habe in diesem Raum einige sehr emotionale Momente [mit den Enkelkindern von Opfern] erlebt“, fügt er hinzu. „Für mich war das Wichtigste, mit so vielen jüdischen Menschen in Kontakt zu kommen, ob jung oder alt, die vor und während der NS-Zeit in unserer Region lebten oder Verwandte hier hatten. Zu wissen, dass Menschen in Deutschland an ihren Familiengeschichten interessiert sind und sie bewahren, ist sehr wichtig für die [Angehörigen].“

Bei den 100 jüdischen Familien, mit denen Dorhs über die Jahre in Verbindung geblieben ist – von Israel über die Niederlande bis nach Amerika und darüber hinaus – hat diese Wertschätzung bleibende Eindrücke hinterlassen.

„Michaels Leidenschaft für die jüdische Geschichte schlägt sich auch in seiner berufichen Arbeit nieder“, so Dan, Chanan and Gideon Frank, Verwandte der Autorin Meta Frank. „Als Studienleiter im Predigerseminar vermittelt er denjenigen, die einmal die geistliche Leitung in Deutschland übernehmen, das Wissen um und das Bewusstsein für die tragische Vegangenheit.“