INGE FRANKEN
Berlin
Vorgeschlagen von Carole Vogel, Lexington, MA

2007

Sechs Jahren lang hat Inge Franken an ihrem Buch über jüdische Waisen im Zweiten Weltkrieg gearbeitet - ihre Motivation zu diesem Buch kann sie jedoch in einem Satz zusammenfassen: "Ich habe es für die Überlebenden geschrieben, die mir ihre Lebensgeschichten erzählt haben", so ihre Erklärung.

Als Tochter eines Nazi-Offiziers, den sie niemals kennen lernte, hatte auch Franken unter den Folgen des Holocaust zu leiden. Sowohl ihr Großvater als auch ihr Vater, der bei der Belagerung von Leningrad starb, als sie zwei Jahre alt war, waren überzeugte Nationalsozialisten - Inge Franken erfuhr dies allerdings erst viele Jahre später, als sie etliche Briefe las, die ihr Vater während der Kriegstage geschrieben hatte. Dennoch war ihre Kindheit und Jugend mit Mutter und Schwester von einer schweren und gedrückten Atmosphäre des Schweigens geprägt. "Niemand [in meiner Familie] sprach über diese Zeit", so Franken. "Aber ich wusste, dass wir zu ihnen gehörten - zu den Menschen, die Schreckliches getan hatten."

Seit ihrer Pensionierung als Lehrerin an einer Berliner Schule vor 15 Jahren hilft Franken deutschen Mitbürgern - nicht nur älterer, sondern auch jüngerer Generationen -, über ihre eigene Vergangenheit zu sprechen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

"Man trägt an einer schweren Last, die sehr viel leichter wird, wenn man offen sagen kann, ‚Ja, meine Eltern gehörten zu den Tätern'", so Franken. Seit 1996 führt sie bei der Berliner Organisation One by One Gesprächsrunden, in denen die Nachkommen von Holocaust-Opfern und Nazi-Tätern zusammenkommen, um Erfahrungen und Geschichten auszutauschen. "Wenn wir gemeinsam weinen können, können wir auch gemeinsam lachen. Die beste Verbindung zwischen zwei Menschen entsteht, wenn wir über die Dinge reden, die wir im tiefsten Innern gemeinsam haben. Wenn ich nicht darüber sprechen würde, hätte ich die Last der Schuld zu tragen. Aber wenn ich darüber spreche, gehören die Gefühle der Trauer und der Schuld meinen Eltern."

Wie Franken später herausfand, war das Gemeindezentrum, in dem sie diese Treffen organisierte, ehemals ein Kinderheim, aus dem 1942 zahlreiche jüdische Waisen in den Tod deportiert wurden. Bei ihren Recherchen zur Geschichte des Gebäudes stieß Franken auf seltene Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus - Fotos von den Waisen dieses Kinderheims, aufgenommen vom jüdischen Fotografen Abraham Pisarek; sie durchforstete jüdische Archive in Berlin und Brandenburg und korrespondierte mit Holocaust-Überlebenden in Israel, um Dutzende Geschichten von Leben und Tod in Verbindung mit dem Kinderheim zusammenzutragen. Im Jahr 2005 veröffentlichte sie ihre Ergebnisse in dem Buch "Gegen das Vergessen: Erinnerungen an das Jüdische Kinderheim Fehrbelliner Strasse 92, Berlin Prenzlauer Berg."

Heute beeindruckt Franken allerdings weniger durch ihr Schreiben, als vielmehr durch ihre anschaulichen Präsentationen für Schulkinder, die sie im Rahmen von One by One an zahlreichen Schulen im ganzen Land hält, vornehmlich im ehemaligen Osten. Mit ihren Opfer-Täter-Dialogen, in denen einer ihrer jüdischen Freunde als ihr Gegenüber auftritt, hat Franken Hunderte von Jugendlichen auf einzigartige Weise erreicht.

"Sie spricht mit den Schülern darüber, dass man immer die Wahl hat, eigene Entscheidungen zu treffen", so Carol Vogel, eine Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, die schon bei vielen Schulvorträgen von Inge Franken mitgewirkt hat. "[Sie führt ihnen vor Augen], dass man gerade starke Meinungsführer und weit verbreitete Ansichten stets kritisch hinterfragen sollte und vermittelt ihnen, dass jeder für sich entscheiden muss, was er für richtig oder falsch hält. Sie bringt die Kinder ganz einfach zum Nachdenken."

Auf ihren Reisen - zum Beispiel in Brandenburg - ist Inge Franken jedoch auch schon auf Ablehnung gestoßen. Manche Schüler und sogar Lehrer werfen ihr Verrat an der Vergangenheit ihrer eigenen Familie und ihres Landes vor. Und genau diese Menschen sind es, die Franken unbedingt erreichen will:

"Ich gehe gerne zu den rechtsgerichteten Schülern, denn sie brauchen die Auseinandersetzung am meisten. Es ist schon etwas erreicht, wenn auf diese Weise in einer Klasse ein einziges Kind offener wird", ist sie überzeugt. "Ich versuche, eine persönliche Verbindung zu den Schülern aufzubauen und sie zum Reden zu ermutigen. Unsere Kinder müssen wissen, was in ihren Familien passiert ist. Wenn niemand mit ihnen über diese Verbrechen spricht, ist das keine gute Basis für ihr Leben."

Franken beschäftigt sich seit 1986 öffentlich mit Fragen zum Holocaust. Damals erforschte sie auf Anregung eines Berliner Heimatmuseums zusammen mit ihren Schülern die jüdische Geschichte in ihrer Nachbarschaft. Die Klasse fasste ihre Ergebnisse in einem preisgekrönten Buch mit dem Titel "Spuren" zusammen. Beschrieben wird darin, welche Häuser in der Umgebung der Schule aus jüdischem Besitz enteignet wurden und wo und wie einige Juden sich versteckten, um den Krieg zu überleben. "Diese Geschichten haben mich schockiert und mir [die Vergangenheit] sehr viel näher gebracht", erinnert sich Franken, die sich auch nach mittlerweile 20 Jahren unermüdlich weiter für ihre Sache einsetzt.

Alexa Dvorson, eine in Berlin lebende amerikanische Journalistin, die auch Mitglied bei One by One ist, sagt dazu: "Ich bewundere Inges Mut - nicht nur was die Beharrlichkeit angeht, mit der sie ihre Projekte verfolgt, sondern vor allem auch die innere Stärke, die man braucht, um zu den Gefühlen und Vorurteilen vorzudringen, mit denen die Menschen während der Nazizeit aufgewachsen sind und die nur selten einer bewussten Auseinandersetzung unterzogen werden."

Im Rahmen eines ihrer Projekte hat Franken vor kurzem zusammen mit einer Gruppe Teenager in den Straßen rund um das frühere Kinderheim Prenzlauer Berg eine Reihe so genannter "Stolpersteine" installiert: mit Messingschildern versehene Steine zum Gedenken an jüdische Mitbürger und Familien, die einst hier gelebt haben und in den Konzentrationslagern starben. Ihre Priorität liegt jedoch ganz klar auf den Schulbesuchen, um ihre Botschaft in ganz Deutschland so vielen Kindern wie möglich zu vermitteln.

"Das Wichtigste, das ich ihnen sage, ist: Stellt Fragen. Fragt nach eurer Geschichte. Was haben eure Eltern getan, eure Großeltern - wie sieht eure Familiengeschichte aus? Meist bekomme ich zur Antwort: ‚Keine Ahnung.' Dann frage ich: Lebt dein Großvater noch? Versuche, mit ihm zu reden. Versuche, etwas in Erfahrung zu bringen."

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