WOLFRAM KASTNER
München, Bayern
Vorgeschlagen von Samuel Golde, München, Deutschland; Inge und Martin Goldstein, New York, NY; Joyce Rohrmoser, Salzburg, Austria; Peter Jordan, Manchester, England;
und Gavriel Rosenfeld, Fairfield, CT

2005

Unruhe stiften ist Wolfram Kastners Beruf. Mit seinen “Interventionen” provoziert der Künstler Diskussion, wo vorher nur schweigende Stille war, aber nicht selten auch Verbote und sogar persönliche Bedrohungen. So wie bei seiner Aktion 1993 in München zur Erinnerung an die Reichsprogromnacht: Zwei als SA-Männer Uniformierte trieben fünf andere mit einem gelben Stern durch die Fußgängerzone. “Politiker sag ‘Das ist nicht der Ort für solche Aktionen’”, erinnert sich Kastner. “Ich meine, natürlich ist es der richtige Ort; es begann nicht in Auschwitz, sondern mitten drin.” Die an der Aktion Beteiligten erhielten Anklagen und sogar Morddrohungen. Kastners Anwalt legte sein Mandat nieder. Er selbst ließ sich nicht einschüchtern. “Nein, nein, nein”, wiederholt er langsam, und seine Stimme unterstreicht, dass Aufgeben nicht in Frage kommt. “Das hieße Kapitulation.”

Doch gezielte Provokation ist nur ein Mittel des 57-Jährigen, der in München lebt. Er machte politische Bildungsarbeit für Erwachsene, schrieb ein Buch über Kreativität und gründete daneben einen eigenen Verlag und eine Stiftung zur Erinnerung an den Sozialdemokraten Kurt Eisner. Kastner, der Kunst, Germanistik, Psychologie, Soziologie, Kunstgeschichte, Pädagogik und Politik studierte, malt und fotographiert. Und er macht Aktionen und Installationen in der Öffentlichkeit zu einem breiten Themenspektrum – von Projekten zur Lage von Asylbewerbern bis zu anti-militaristischen Aktionen. Sein Ansatz ist eindeutig interdisziplinär. “I will als Künstler nicht der Solotänzer sein, der einzelne Geniale,” erklärt er. “Ich will Menschen unmittelbar einbeziehen.”

Rund 40 waren beteiligt bei seinem letzten Projekt zur Erinnerung an Deportierte aus dem Münchner Stadtteil Bogenhausen. Über ein Jahr forschte und recherchierte die Gruppe. Mit Veranstaltungen und einer Ausstellung porträtierten sie die Ermordeten – nicht nur als Opfer, sondern als Menschen mit eigener Geschichte. Kastner machte kostenlose Führungen mit großem Zuspruch und arrangierte eine Installation: 17 weiße Koffer stellte er auf die Straße, um an 17 deportierte Juden eines Hauses zu erinnern. “Wenn die Menschen sehen, es geschah in ihrer Straße, kommt ihnen das nahe; das löst Aufmerksamkeit aus und sensibilisiert”, sagt er.

An Kastners sensible Art erinnert sich Samuel Golde aus München gut. Als seine Mutter starb, begann der 45-Jährige die Vergangenheit seiner jüdischen Vertreibung. Kastner fuhr mit ihm zwei Mal in die frühere Heimatstadt Schonungen in Süddeutschland, half ihm Akten zu finden und Zeitzeugen zu befragen. “Er hat mich sehr einfühlsam begleitet während dieses anstrengenden und emotionalen Prozesses”, erinnert ich Golde. “Es wäre sehr schwer für mich gewesen, das allein zu machen.”

Peter Jordan aus Manchester, der von Kastner zu seinem Leben im Deutschland der dreißiger Jahre interviewt wurde, sieht ein charakteristisches Motiv in den Arbeiten des Künstlers: Es ist “sein Wunsch das individuelle Schicksal jüdischer Menschen zu würdigen” und “die Erinnerung sichtbar zu machen, an den Orten, wo sie lebten und arbeiteten, in ihrer Nachbarschaft, an ihren Schulen etc.”, erklärt Jordan.

Doch damit kein Gras über die Geschichte wächst, hat Kastner immer wieder die Grenze des Erlaubten getestet. Zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933 fügte er in mehreren deutschen Städten dem öffentlichem Grün “Brandspuren” zu oder organisierte Lesungen aus einst verbotenen Büchern. “Wenn Kunst auf die Straße geht, ist das riskant, aber auch spannend, weil die Menschen nicht wie im Museum wissen: ach, ist ja eh nur Kunst”, erklärt er.

Dafür erhält Kastner regelmäßig Anzeigen. Verfolgt wurde er wegen Aktionen seit 1993 gegen die jährliche Gedenkfeier von SS-Veteranen auf dem Salzburger Friedhof oder der Interventionen gegen anti-jüdische Darstellungen an Kirchen wie in Regensburg. Er sprayte das Wort “Judensau”, um auf den kirchlichen Ursprung des von alten und neuen Nazis verwendeten Schimpfworts hinzuweisen. “Wolfram fasst die Probleme nicht mit Samthandschuhen an, sein Ansatz ist schonungslos, direkt und oft mit persönlichem und finanziellem Risiko verbunden”, erklären Inge und Martin Goldstein, die ihn seit 1995 kennen.

Zivilcourage konnte er sich schon bei seiner Großmutter abschauen. Mit 14 trat sie illegal in die SPD ein. Später, als ihr Mann 1933 ohne ihre Wissen Mitglied bei der NSDAP wurde, ging sie zum Parteibüro und gab sein Mitgliedsbuch wieder zurück. “Meine Großmutter war ein wichtiges Vorbild für mich”, sagt er. “Durch sie habe ich gelernt, du kannst etwas machen und trotzdem passiert dir nichts.”

So macht Wolfram Kastner trotz aller Verbote, Anzeigen und Morddrohungen weiter. “Ich hoffe nur, ich werde 130 Jahre alt, so dass ich alle Projekte verwirklichen kann, für die ich Ideen habe.” sagt er.