WILFRIED WEINKE
Hamburg
Vorgeschlagen von Lucille Eichengreen, Oakland, CA; Pit Goldschmidt, Hamburg, Germany; Frank Meir Loewenberg, Efrat, Israel; J. Joseph Lowenberg, Wynnewood, PA; Mark Lissauer, Elwood, Australia; Dalo Michaelis, Rechowot, Israel; Johanna Neumann, Silver Spring, MD; George and Ilse Sakheim, Gwynedd, PA; Israel; Eva Spangenthal, Houghton, South Africa; Charlotte Stenham, London, England; Mat Weiner und Dorette Flach-Bauml, Jerusalem, Israel

2007

Wilfried Weinke verfolgt mit seiner Arbeit als Historiker zwei Ziele: Zum einen will er die junge deutsche Generation von heute in einer Weise mit dem Holocaust konfrontieren, die das jüdische Erbe Deutschlands wieder "zum Leben erweckt". Und zum anderen möchte er die Namen und Werke vergangener deutsch-jüdischer Künstler und Intellektueller vor dem Vergessen retten. J. Joseph Loewenberg, Enkel des Dichters Jakob Loewenberg aus dem frühen 20. Jahrhundert, ist der Meinung: "Ich bezweifle, dass das literarische Werk meines Großvaters ohne Weinkes Bemühungen in Deutschland heute noch Anerkennung erfahren würde."

"Ich versuche, gleichzeitig als Journalist und als Historiker zu schreiben und dabei Sprache und Stil so einzusetzen, dass auch das allgemeine Publikum mich versteht und das Interesse der Menschen geweckt wird, mehr zu erfahren", so Weinke, dessen Essays und Artikel in Aufbau, Tribüne und Aus dem Antiquariat erschienen sind und dessen Vorträge zum Thema Antisemitismus in ganz Deutschland die Schulsäle füllen. "Die jüdische Geschichte und die mit unserer eigenen Geschichte verbundenen Biographien - über Emigration, Leben im Exil, Deportation - wurden in der Schule nicht gelehrt. Sie waren ein vernachlässigter Abschnitt unserer Geschichte. [Meine Arbeit] ist ein Angebot an ein unbekanntes Publikum: ‚Wenn Sie an Geschichte interessiert sind, wenn Sie verhindern wollen, dass der Nationalsozialismus oder eine Verletzung der Menschenrechte in Deutschland wieder möglich wird, können Sie sich bei diesem Vortrag oder in jener Ausstellung informieren.'"

Weinke, der 1955 im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein geboren wurde, entwickelte schon als Teenager eine Leidenschaft für deutsch-jüdische Literatur - zum Teil ausgelöst durch das Schweigen seiner Familie zum Thema Holocaust. "Mein Vater war ein Panzersoldat. Mein Onkel war Mitglied der SS", erinnert er sich. "Als ich 14 Jahre alt war, wurde ich neugierig und begann politisch zu denken. Ich fragte meine Eltern: ‚Was habt ihr getan, wofür tragt ihr die Verantwortung [im Krieg]?'." Als seine Eltern ihm Antworten auf diese Fragen verweigerten und auch seine Lehrer nicht über die Zeit sprechen wollten, begann Weinke gegen das Schweigen zu rebellieren. So schrieb er eine Abiturarbeit über das jüdische Leben im Ghetto, und nach dem Abschluss des Literaturstudiums an der Universität Hamburg verzichtete er auf eine akademische Laufbahn und widmete sich stattdessen ganz der Forschung und dem Schreiben über Hamburgs jüdische Vergangenheit.

1986 erstellte er in Zusammenarbeit mit dem Museum für Hamburgische Geschichte die Dokumentation "Ehemals in Hamburg zu Hause: Jüdisches Leben am Grindel", eine Ausstellung über das ehemalige Hamburger Judenviertel, die Hamburgs Einwohner "erstaunte", wie Weinke sich erinnert. Die Ausstellung reiste auch zum Yad Vashem in Jerusalem, und 1991 schrieb Weinke auf Basis des gesammelten Materials ein Buch. Im Jahr 2003 präsentierte er eine zweite Ausstellung zu Leben und Arbeit von vier jüdischen Fotografen aus Hamburg, die in Hamburg und Frankfurt 25.000 Besucher anzog. Auch hieraus entstand später ein Buch unter dem Titel "Verdrängt, vertrieben, aber nicht vergessen: Die Fotografen Emil Bieber, Max Halberstadt, Erich Kastan und Kurt Schallenberg".

Weinkes Antrieb ist "ein starker Sinn für Gerechtigkeit und das Bedürfnis, begangenes Unrecht wieder gutzumachen. [Er will] Intellektuellen posthum eine Stimme verleihen", so Mark Lissauer, ein Nachfahre Hamburger Juden, mit dem Weinke während seiner Recherchen zum Grindel Kontakt aufnahm. Weinke geht es jedoch nicht nur um die Erarbeitung von Ausstellungen oder Büchern - es geht ihm um den "persönlichen Kontakt" zu den Menschen, deren Werken er nachspürt, und zu deren Nachfahren - und darum, diese Geschichten über einzelne Schicksale im Museum und in seinen Büchern lebendig werden zu lassen.

"Meine jüdischen Freunde machen sich gerne lustig über mich: ‚Du bist verjudet, du bist zu jüdisch geworden'", sagt Weinke. Er sieht es allerdings so: "Mein Verantwortungsgefühl, meine Neugier und meine Ausbildung als Lehrer [treiben mich an]. Es gibt so viel Material, so viele Menschen, die man befragen kann und deren Biographien es wert sind erzählt zu werden, so viele unveröffentlichte Bücher."

Und obwohl die Aufgabe fast unmöglich erscheint, setzt Weinke, der auch in London, Zürich und Südafrika Vorlesungen gehalten hat, doch alles daran, dafür zu sorgen, dass keine Geschichte vergessen wird. So hat er im Fall der Holocaust-Überlebenden Lucille Eichengreen, die heute in den USA lebt, zusammen mit seiner Frau Ursula Wamser dafür gesorgt, dass ihre drei Bücher ins Deutsche übersetzt und publiziert wurden, und für sie eine Lesereise zu Schulen in ganz Deutschland organisiert.

Am Ende ist es jedoch vor allem seine eigene Forschung und schriftstellerische Arbeit, die Weinke antreibt. Im Dezember 2006 veröffentlichte er eine erweiterte Ausgabe des Grindel-Buchs unter dem neuen Titel "Eine Verschwundene Welt". Und aktuell arbeitet er an der Biographie und der weltweit ersten Ausstellung über Heinz Liepman, ein Hamburger Journalist und Autor aus den 1920er Jahren, der die Nationalsozialisten scharf kritisierte, nach Amerika floh und nach dem Krieg zurückkehrte, um über die Auschwitz-Verfahren zu schreiben.

Wie schafft Weinke es, junge Deutsche von heute für diese Menschen und Ereignisse zu interessieren, die so weit in der Vergangenheit liegen? Indem er persönliche Geschichten erzählt und mit den Mitteln eines kreativen Historikers arbeitet.

"Wir können über sechs Millionen jüdische Tote reden, aber man muss den Menschen vermitteln, was es hieß, ein 13-jähriger jüdischer Schüler am Grindel zu sein - man muss diese Verbindung herstellen, um der heutigen Generation Geschichte zu veranschaulichen. Das ist mein Beruf", so Weinke: "Archivdokumente, Fotos, Interviews und das geschriebene Wort [von Überlebenden] zu einem Essay, einem Artikel, einer Ausstellung oder einem Buch zusammenzuführen. Das ist die wunderbarste Arbeit, die ich mir vorstellen kann."

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